Circus SE
Ich habe Claude Fable 5 mit Unternehmensnachrichten und dem Geschäftsbericht gefüttert und um eine Analyse der Kapitalmarktkommunikation gebeten. Hier ist das Ergebnis, das ich nur sprachlich an einigen Stellen etwas geglättet habe.
Manege frei: Der Marktführer von null
Am 5. November 2024 verschickt die Circus SE aus Hamburg eine Corporate News, deren erster Satz das Unternehmen so vorstellt: „ein globaler Marktführer für KI-Lösungen und autonome Robotik im 2,6 Billionen Euro schweren Foodservice-Sektor”. Der Umsatz dieses globalen Marktführers zum Zeitpunkt der Meldung: null Euro, nachzulesen im eigenen Geschäftsbericht von 2024: Es wurden „im Rahmen der F&E-Phase noch keine Umsätze aus der neuartigen Technologie erzielt”. Ein Marktführer ohne einen Cent Umsatz in einem Billionenmarkt hat einen Marktanteil von exakt 0,000%. Wer führt hier eigentlich wen an?
8.400 Vorbestellungen, die keine waren
Worauf stützte sich die Führerschaft dann? Die Meldung liefert die Antwort gleich mit: „Nur wenige Monate nach dem Start hat Circus mit 8.400 Vorbestellungen seine Marktführerschaft im Bereich der KI-gesteuerten Innovationen für den Foodservice-Sektor gefestigt.” Diese 8.400 Vorbestellungen sollten „ein jährliches Umsatzpotenzial von EUR 1,1 Milliarden allein durch die integrierte KI-Software CircusAI” darstellen.
Rechnen wir nach, was das Unternehmen dem Kapitalmarkt da vorgerechnet hat. 1,1 Milliarden geteilt durch 8.400 ergibt rund 131.000 Euro pro Roboter und Jahr — allein für die Software. Zum Vergleich: Die Hardware selbst kostet laut der von mwb research erstellten Studie zwischen 180.000 und 250.000 Euro. Das Geschäftsmodell verspricht, den Fachkräftemangel in der Gastronomie zu lösen, indem der Kunde für die Software eines einzelnen Kochroboters jährlich etwa das Dreifache der Vollkosten einer menschlichen Küchenkraft zahlt. Entweder ist die 1,1-Milliarden-Zahl Fantasie, oder das Wertversprechen ist ökonomisch tot. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.
Die Auflösung kam später, auf Nachfrage der Wirtschaftswoche: Circus räumte ein, dass die 8.400 Vorbestellungen unverbindlich waren. Unverbindliche Vorbestellungen sind Interessensbekundungen. Man kann sie sammeln wie Visitenkarten auf einer Messe, sie kosten den „Besteller” nichts. Inzwischen spricht das Unternehmen selbst von rund 500 festen Bestellungen von etwa 40 Kunden — sechs Prozent der Zahl, mit der im November 2024 die „Marktführerschaft gefestigt” wurde. Die Milliarde war eine Hochrechnung auf Basis von Luft.
Der Markt, der keiner ist
Die zweite Säule der Behauptung ist der „2,6 Billionen Euro schwere Foodservice-Sektor”. Das ist der Gesamtumsatz der globalen Gastronomie — jede Pommesbude, jedes Sternerestaurant, jede Kantine dieser Welt. Der Markt, in dem Circus tatsächlich anbietet, ist die Beschaffung autonomer Küchenrobotik, und über den schreibt die vom Unternehmen mitfinanzierte mwb-Studie selbst: „Dieser Markt steckt noch in den Kinderschuhen und es gibt keine wirklich etablierten Wettbewerber.” Das hauseigene Research bestätigt also, dass der Markt, in dem Circus „führt”, faktisch nicht existiert. Marktführer im Nichts.
Ein Detail am Rande, das die Sorgfalt im Umgang mit der eigenen Kernzahl illustriert: Im November 2024 ist der Sektor „2,6 Billionen Euro schwer”, in der Pressemitteilung vom März 2025 dann „2,6 Billionen US-Dollar schwer”. Der Referenzmarkt ist zwischen zwei Meldungen still um rund acht Prozent geschrumpft, ohne dass es jemandem auffiel. Eine Zahl, deren Währung beliebig ist, ist keine Zahl. Sie ist Tapete.
Jahre der Entwicklung, gekauft aus der Konkursmasse
Die November-Meldung rühmt „Jahre der Entwicklung” und eine KI, die „über 2 Milliarden Rezepte” beherrsche — mehr Rezepte, als die Menschheit je aufgeschrieben hat, erkennbar eine kombinatorische Permutationszählung im KPI-Kostüm. Woher die Technologie tatsächlich stammt, verrät die eigene Unternehmenswebsite: Circus übernahm das Berliner Küchenroboter-Startup Aitme, das mit exakt demselben Produktversprechen gescheitert war, und „kombinierte” die eigene Technologie „mit ihrer Plattform”. Auf dieser Basis entstanden die CA-1-Prototypen. Der „weltweit erste kommerziell nutzbare KI-Roboter im Food-Service-Sektor” trägt also die Plattform eines Vorgängers in sich, der an genau diesem Markt bereits zugrunde gegangen ist. Aitme war dabei in guter Gesellschaft: Zume Pizza verbrannte rund 450 Millionen Dollar SoftBank-Kapital und wurde 2023 abgewickelt, Karakuri in London ging insolvent, Spyce wurde von Sweetgreen gekauft und eingestellt. Der „billionenschwere Markt” ist ein Friedhof, und Circus hat sich sein Fundament von einem der Gräber geholt.
Die schrumpfende Selbstbeschreibung
Wer wissen will, was ein Unternehmen selbst von seinen Superlativen hält, muss nur verfolgen, wie sie sich verändern, sobald prüfende Augen in die Nähe kommen. November 2024, Corporate News: „ein globaler Marktführer für KI-Lösungen und autonome Robotik”. März 2025, Pressemitteilung: „weltweit führend im Bereich Embodied AI” — das Modewort ist eingetroffen und ersetzt die KI-Lösungen. Juni 2025, im Umfeld des Geschäftsberichts, also dort, wo Wirtschaftsprüfer mitlesen: „ein weltweit tätiges Unternehmen für KI und Robotik”. Aus dem Marktführer wird binnen sieben Monaten ein weltweit Tätiger. Die Führerschaft verdunstet exakt in dem Moment, in dem sie belegt werden müsste. Präziser kann ein Unternehmen die eigene Behauptung nicht dementieren.
Dasselbe Muster bei den Lieferterminen. März 2025: Auslieferung „planmäßig im Sommer 2025”. Geschäftsbericht, drei Monate später: „die Auslieferungen starten damit planmäßig im Herbst 2025”. Aus Sommer wird Herbst, und beides ist planmäßig. Das Wort ist hier kein Zeitadverb mehr. Es ist ein Beruhigungsmittel.
Das Finale um 01:01 Uhr nachts
Wie die Geschichte ausgeht, konnte man am 16. Juli 2026 nachlesen — wenn man wach war. Um 01:01 Uhr nachts veröffentlichte Circus eine Ad-hoc-Mitteilung: Die Umsatzprognose für 2026 wird von 44 bis 55 Millionen Euro auf rund 5,2 Millionen Euro gesenkt. Das ist eine Kürzung um 88 Prozent, mitten im laufenden Jahr. Wenige Tage zuvor war bereits die Führungsetage umgebaut worden: Der Co-CEO wechselt in den Beirat, der Finanzvorstand in den Aufsichtsrat der Tochter Circus Defence, ein neuer Co-CEO/CFO aus der Automobilbranche übernimmt. Und die Erzählung rotiert weiter, wie sie immer rotiert, wenn die erste Story sich abgenutzt hat: weg vom Roboter für REWE, hin zu Feldküchen für ukrainische Bodentruppen und einem Rollout in Abu Dhabi. Vom Hoch bei 23,50 Euro im November 2025 hat sich der Kurs um rund 90 Prozent aufgelöst.
Ein Wort noch zur Begleitmusik. mwb research bekräftigte am 6. Juli 2026 die Kaufempfehlung mit Kursziel 46,00 Euro. Zehn Tage später, nach der nächtlichen Ad-hoc, kappte dasselbe Haus das Ziel auf 8,40 Euro. Ein Analysehaus, das sein Kursziel binnen zehn Tagen um 82 Prozent korrigieren muss, hat kein Modell gepflegt. Es hat eine Pressemitteilung abgeschrieben.
Fazit
Die Selbstbeschreibung vom 5. November 2024 bestand aus fünf Behauptungen: global, Marktführer, KI, autonome Robotik, Billionensektor. Global war ein Büro in der Hamburger Hongkongstraße. Die Marktführerschaft stützte sich auf unverbindliche Absichtserklärungen, was das Unternehmen später selbst einräumte. Die KI zählte zwei Milliarden Rezepte. Die Robotik stammte in ihrem Kern aus der Übernahme eines gescheiterten Vorgängers. Und der Billionensektor wechselte zwischen zwei Pressemitteilungen die Währung. Die Formulierung „ein globaler Marktführer” — unbestimmter Artikel, keine Metrik, kein benannter Wettbewerber — ist dabei juristisch so gebaut, dass sie wettbewerbsrechtlich kaum greifbar ist, während sie im Anlegerkopf als Tatsache landet. Genau dafür ist sie da.
Dass ausgerechnet dieses Unternehmen sich Circus nennt, ist der einzige Punkt der gesamten Kapitalmarktkommunikation, an dem ich nichts auszusetzen habe.




Alles richtig bis auf die Aussage zu Spyce. (Ergänzend als negativ Beispiel weil im selben Fahrwasser wie Circus scheint Miso in den USA zu sein) Bei Spyce liegt Claude falsch. Sweetgreen acquired automated kitchen startup Spyce in August 2021 for roughly $70 million to develop its "Infinite Kitchen" robotic technology. Later, in late 2025/early 2026, Sweetgreen sold the Spyce robotics division to Wonder for $186.4 million, while retaining a long-term agreement to keep using the technology. Insofern gibt es gute Beispiele (Hyphen ein weiteres) und auf Basis meiner langjährigen Erfahrung in der Systemgastronomie wie auch in anderen Branchen in denen repetitive BS Arbeit dominiert (Gewächshäuser) wird es nur mit intelligenten Lösungen möglich sein die Versorgung / bezahlbare Angebote zu machen. Letztlich ist intelligente Prozess Automatisierung nichts anderes als eine moderne CNC Maschine. Den romantischen Blödsinn zu Köchen und das besondere Betonen der kreativen Einzigartigkeit vergeht jedem sofort der rund 95% der Küchen betritt. Einzig die Inhaber geführte gehobene Gastronomie macht hier meist eine Ausnahme.
Starke Analyse! Besonders deine Rechnung zu den absurden Softwarekosten (131.000 € pro Roboter) entlarvt die PR-Illusion perfekt.
Wenn ich deine Aufarbeitung der Kapitalmarktkommunikation mit den fundamentalen Zahlen abgleiche, wird das Bild fast schon dramatisch: Wer seine Prognose per Ad-hoc mitten im Jahr um 88 % rasiert, verbrennt massiv Cash. Der Value Spread (ROIC vs. WACC) dürfte hier bodenlos negativ sein – salopp gesagt: Mit jedem Tag, an dem dort morgens aufgesperrt wird, wird operativ Aktionärswert vernichtet.
Wenn dann die Lichter im Betrieb im Grunde nur noch durch ständige Kapitalmaßnahmen und hohe aktienbasierte Vergütung am Brennen gehalten werden, wird das Konstrukt schnell zu einer Verwässerungsmaschine für die Altaktionäre. Dass jetzt aus der Not heraus der strategische Pivot in Richtung "Militär-Catering"versucht wird, um eine neue Story zu kreieren, passt exakt ins Muster.
Danke für die detaillierte Aufarbeitung!
Beste Grüße,
Flo